genderwasteland

Die Einöde im Geschlechterwunderland

Wo sind die queeren Mädchen und Frauen?

Sag mir, wo die Blumen sind. Wo sind sie geblieben? – Mädchen pflückten sie geschwind. Sag mir, wo die Mädchen sind … Es ist wohlbekannt, wie dieses Lied endet, und ohne gleich derartig dramatische Register zu ziehen, ist es leider notwendig, mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit endlich diese Frage zu stellen: Wo sind die queeren Mädchen und Frauen?
Wohin man blickt in der queeren Welt, gibt es einen bunten Strauß an Gendern: quecksilbriges Genderfluid, changierendes Weder-Noch, blasses Agender und das eine oder andere buntgetupfte, quergestreifte Neo-Gender. Daneben massig viele Transjungs und –männer. Was in diesem vermeintlichen Regenbogen fehlt, sind die queeren Frauen.
Warum eigentlich? Gibt es sie überhaupt noch? Und wenn ja, wo sind sie hin? Machen wir uns auf die Suche nach ihnen.

Der erste Ort, wo man sie vermuten könnte, sind Tagungen und andere einschlägige Veranstaltungen. Die Ernüchterung folgt schnell: Transtagungen werden mehrheitlich von Transmännlichkeiten organisiert, maximal noch von Personen des genderqueeren Spektrums. Auch unter den Teilnehmenden sind Frauen heutzutage meist in der Minderzahl.

Die nächste Station, die erfolgversprechend scheint, sind die Orte, die queere Frauen und Weiblichkeiten traditionell für sich beansprucht bzw. erst geschaffen haben. Ich spreche hierbei von Frauen- und Lesbenzusammenhängen.
Natürlich gibt es hier Frauen, viele sogar. Nur verstehen die meisten davon sich nicht mehr als queer. Sie definieren sich als Frauen, die eben einfach Frauen begehren statt Männer, Punkt. Homosexualität als Konzept bietet keinen Platz mehr für geschlechtlichen Selbstausdruck. Lesbischsein heute heißt nur noch „Frauen lieben Frauen“ (Monique Wittig, die anno 1978 pointiert formulierte: „Lesben sind keine Frauen“ würde sich im Grabe nicht einmal mehr umdrehen). Homosexuelles Begehren wird in diesem Sinne betrachtet als ein „sich auf Gleichartiges richtendes“ Begehren.
Alles in allem heißt das: Begehren wird losgelöst von Gender verhandelt.
Es ist nur konsequent, dass Identitäten, die untrennbare Gender-Begehrens-Konfigurationen aufweisen, z.B. Tombois oder Butches, sich anders als vor 20 Jahren eher Trans- als Frauen-Definitionen zugehörig fühlen.

Nun lohnt es sich womöglich, zu schauen, was für Möglichkeiten das weite und freie Feld der Genderqueerness diesbezüglich bietet.
Auf den ersten Blick wird bereits deutlich, dass es dort offenbar ziemlich out ist, sich als Frau zu definieren. Unter Queeren gilt diese Selbstdefinition als eine bürgerlich-konservative Stützung heterosexuell-binärer Weltauffassung. Selbst die Femmes sind heutzutage oft ftf-transitioniert und wehren sich dagegen, als Frau gesehen zu werden.
Die Genderqueeren sind in erster Linie genderqueer und nicht weiblich. Beobachtet man das Geschehen in der europäischen und angloamerikanischen Blogosphäre, lässt sich über die Verfassenden der einschlägigen Blogs und Beiträge zu Genderqueerness und all ihrer changierenden Spielarten eines sagen:
Die Verfassenden sind in ganz erdrückender Mehrzahl bei ihrer Geburt weiblich zugeordnet (Female Assigned At Birth, FAAB) worden.

Das ist auffällig und motiviert auch einen kurzen Einschub auf unserer Suche.
Bei der Geburt weiblich zugeordnete Personen scheinen heute keine Möglichkeiten zu sehen, als queere Mädchen und Frauen zu leben.
Das hat zunächst gesellschaftliche Gründe. Normen von Schönheit und Körperideal treffen, obgleich die Männlichkeiten aufgeholt haben, Frauen und Mädchen immer noch deutlich intensiver. Studien, die sich mit dem Körperbild junger Menschen beschäftigen, wie z.B. die HSBC, sprechen von zwei Dritteln und mehr der Befragten, die ihren Körper als unzureichend empfinden. Weiblich zugeordnete Kinder und Jugendliche dabei etwa doppelt so häufig wie männlich zugeordnete.
Wäre es nicht verwunderlich, wenn ausgerechnet die geschlechtliche Selbstsicht von dieser Interpretation frei bleiben sollte? Transidentität ist in gewissem Sinne nur eine andere Form von Magersucht.
Das Leben als nicht-normative, queere Frau ist nicht sehr attraktiv. Das Leben direkt als Transmännlichkeit bietet hingegen einerseits den Bonus, gängigen Körpernormierungen und -Wertungen zu entkommen bzw. immerhin nicht so gravierend ausgesetzt zu sein wie als weibliche gelesene Personen. Hinzu kommt der Beauty-Jackpot: Ewige, oder immerhin außergewöhnlich lang anhaltende Jugendlichkeit.

Schlussendlich könnten wir auf der Suche nach den queeren Frauen auch in der ganz gewöhnlichen Heten-Welt schauen.
Hier wiederum werden die queeren, zunächst weiblich zugeordneten Menschen zunehmend durch Transition eliminiert. Die breit verfügbaren Möglichkeiten medizinischer Geschlechtsangleichung werden als Instrument zur Stabilisierung der vielzitierten Butlerschen „Heterosexuellen Matrix“ eingesetzt. Der Trend, der sich jetzt erst andeutet, wird in den kommenden Jahren noch deutlich zunehmen.
Kein rebellisches, normbrechendes Mädchensein ist unverdächtig. Jeder Tomboi steht unter Trans-Verdacht, und die (sowieso kaum noch vorhandenen) Drag-Kings gelten selbst im queeren Umfeld als verkappte Transmänner.
Man entledigt sich geschickt aller Widerstände und Ungereimtheiten im Alltag: Die Diagnose F 64.0 ermöglicht qua Medizin eine ebenso effektive wie bequeme Einordnung in das binäre Geschlechtersystem auch für die „Wildfang-Tochter“. Dazu gibt es gratis eine leistungsfähige Erklärung für gender-nonkonformes Verhalten, die es erlaubt, gedankliche Lieblingskisten unangetastet zu lassen.
Es erfordert Kraft und Durchsetzungsvermögen und Stärke, als Mädchen und Frau, das ständig der Toiletten verwiesen, dessen Geschlecht bezweifelt wird, auf einem auch in anderen Aspekten nicht immer allzu attraktiven Gender zu beharren.

Die queeren Mädchen und Frauen bleiben (bis auf die berühmten Ausnahmen von der Regel) verschwunden.
Ich sitze, deprimiert und inzwischen betrunken, am Küchentisch und überlege, etwas Rebellisches, Subversives, Widerständiges zu tun und mich vielleicht …
Bevor ich dazu komme, irgendwas Unbedachtes bei Facebook zu posten, bin ich glücklicherweise eingeschlafen und träume von der Roten Zora, damals im Kinderbuch: Die queeren Frauen sind tot – es leben die queeren Frauen!

Trans*maskuline Körper und wie sie normiert werden

Neulich las ich mal wieder auf Facebook in einer dieser Gruppen für TMs. Da war ein Bild gepostet von einem jungen Mann im Hemd. Darunter wurde gratuliert zum guten Aussehen, und jemand fragte, welchen Binder der Abgebildete wohl tragen möge.
„Gar keinen, das ist einfach ein Unterhemd mit weitem Hemd.“
Mir stockte der Atem. Vor fünf Jahren noch wäre ein solches Statement völlig undenkbar gewesen: Ohne Binder geht schon mal gar nichts, am besten gleich zwei übereinander!
Und jetzt, die Transjungs von heute, ganz queer und selbstbewusst, brechen diese Norm. Vor Stolz und Zuneigung ganz schwach und gerührt saß ich in meinem Stuhl, und las weiter:
„Ich trage keinen Binder, weil mir das die Ausgangslage für die Mastek versaut.“

Transkörper standen einst in dem Ruf, rebellisch zu sein. Dekonstruktiv und widerständig. Nicht gewachsen, sondern gemacht und stolz drauf.
Heute mögen die Tatsachen, wie in obigem Beispiel, liberal erscheinen (Anything goes auch in Sachen Gender) und verdecken dabei, wie sehr biologisch-medizinisch durchwirkt Selbstdefinitionen und Erscheinungsformen von Transmännlichkeiten heute sind: Den geltenden Normen von Körpern derart unterworfen, dass einem zuweilen der Verdacht kommt, hier verwirkliche sich der kulturelle Schönheitsimperativ vielleicht vollkommener als in der Vogue.

Schauen wir genauer, wie gängige Schönheitsideale und biologisch-medizinische Normierungen und Normalisierungen sich in den Transmännlichkeiten dieser Zeit verkörpern. Dabei spielen mindestens zwei Aspekte eine Rolle:
Zum Einen ist es so, dass chirurgische Maßnahmen dafür sorgen, dass maskuline Transkörper physisch einem einheitlichen Ideal von Männlichkeit entsprechen.
Zum Anderen normiert die Trans- und Queer-Community selbst Transkörper dergestalt, dass nur bestimmte queere Körper auch als queer gesehen und empowert werden.

Dass transmännliche Körper derzeit diesen Normen überhaupt unterworfen werden, entspricht nur dem metrosexuellen Zeitgeist, der männliche Körper einer lange nur Weiblichkeiten vorbehaltenen Sexualisierung aussetzt.
Anders als transitionierte weibliche Körper unterlaufen männlich transitionierte Körper eine rigide Normalisierung und Normierung ihres physischen Auftretens, während sie medizinisch transitionieren.
Das betrifft nicht Hormone, die individuell unterschiedlich wirken, sondern chirurgische Maßnahmen. Brust-Augmentationen – so überhaupt gewünscht – folgen den individuellen Wünschen der Patientinnen, denn außer „sichtbar“ und „nicht hängend“ kommt hier keine Norm weiblicher Brust zum Ausdruck.
Das Ziel einer Mastektomie hingegen diktiert das Ideal, und zwar so sehr, dass inzwischen auch viele Transmänner mit kleinerer „Ausgangslage“ die „großen Schnitte“ wählen. Das bedeutet: Lieber Narben als eine nicht normgerechte Männerbrust.
Während bei den „kleinen Schnitten“ narbenfrei oder zumindest -sparend operiert wird, dabei aber Vorhöfe und u.U. Nippel oft so groß und so positioniert wie zu Beginn belassen werden, ermöglicht es erst die Mastektomie mit Schnittführung unterhalb des Brustmuskels, die ideale Männerbrust herzustellen: Oberkörper flach wie das sprichwörtliche Brett, Nippel nach außen versetzt auf gleicher Höhe, optimales Ergebnis bei trainiertem Brustmuskel. Die Vorhöfe werden bei jedem Patienten mit derselben Form ausgestochen wie Plätzchen.

Es ist kein Zufall, dass jetzt erst in den Jahren 2013 und folgende die Normierung transmaskuliner Körper in ihrer ganzen Tragweite sichtbar wird. Um Normen operativ etablieren zu können, muss zunächst der medizinische Standard das dafür erforderliche Niveau erreicht haben. Andererseits muss auch eine hinreichende Zahl von Operationen erfolgen, um mehr als nur zufällige Aussagen über Ergebnisse machen zu können.
Beides ist nun erstmals der Fall: Mit den seit ca. 2006/2007 (Beginn der Aufzeichnungen im ftm-Portal) nochmals qualitativ deutlich verbesserten Operationsergebnissen, insbesondere der Mastektomie, lässt sich in Deutschland zum ersten Mal ein operativer Standard und eine operative Norm durchsetzen.

Die Hoffnung liegt nun nahe, dass die Varianz und die Vielfältigkeit, auch der Nicht-Mainstream-Sexyness, der nicht normierten transmännlichen Körper wenigstens in der queeren Sphäre gefeiert werden möge.
Betrachtet man, welche Transkörper im queeren Internet Empowerment erfahren, und welche Transkörper auf Body-Pride-Seiten, wie z.B. Trans*bodypride,  abgebildet sind, wird schmerzlich deutlich, wo die Grenze von Queerness verläuft: Es gibt aberhunderte von Bildern mit genderqueeren, ehemals weiblich zugewiesenen Personen, viele Bilder mit Non-(Genital-)OP-Transmännern, kaum Bilder von non-OP und noch weniger von operierten Transfrauen, und gar keine Bilder von Transmännern mit großem Aufbau.
Ein Transmann mit Aufbau ist nicht mehr queer. Sein Phallus ist kein angeeigneter, sondern sein Eigentum. Als nun auch symbolisch „richtiger Mann“ braucht er kein Empowerment mehr.

Im Trans-Mainstream wie auch in genuin queeren Gruppierungen gibt es genaue Vorstellungen, welchen Ansprüchen und welchen Bildern ein transitionierter männlicher Körper zu genügen hat. Und was überhaupt als männlich und männliches Ideal vorgestellt wird. Transkörper sind nicht rebellisch, sondern Mainstream. Der scheinbaren Freiheit, die durch verbesserte und erweiterte medizinische Möglichkeiten gegeben ist, folgt eine deutliche, und verglichen etwa mit Auffassungen vom Anfang der 2000er: deutlich restriktivere Normierung des transmännlichen Körpers.

Ich entsinne mich, wie vor gerade mal fünf Jahren noch erbittert darüber gestritten wurde, wer „richtig transsexuell“ und wer „nur transgender“ sei.
Diese Debatte gibt es so heute nicht mehr. In besagten Facebook-Gruppen geht es dieser Tage in erster Linie darum, wer noch „Transmann“ und wer schon „Mann“ ist.

Der Trans*weg als Passion

„Ich war schon immer ein Mädchen. Ich habe nie Fußball gespielt, sondern immer nur mit Puppen. In der Pubertät begann ich meinen Körper zu hassen. Mein Leben ging bisher fehl. Jetzt werde ich endlich immer mehr ich.“
Jeder, der neu zur Gemeinschaft der Transgeschlechtlichen hinzustößt, spricht das immergleiche Gebet. Trans ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zu sich, denn durch Transition.

Wenn man Trans-Leute untereinander so reden hört, kommt man sich zuweilen vor wie unter frommen Katholik_innen. Ihre Transitionsgeschichte und damit ihr ganzes Leben erfährt eine religiöse Deutung.
Ich bin trans – ich kam, ich erkannte und plötzlich wurde ich sehend. All mein vergangenes Leben macht Sinn in dieser Deutung und stiftet die Zuversicht auf ein Morgen. Ich Transmann kehre um von meinem falschen Weg als Frau.
Nimmt man die religiöse Fundierung transgeschlechtlicher Lebensdeutung in den Blick, tritt da u.a. eine Unterscheidung zwischen „wahrem“ und „falschem“ Leben (Leben fern von oder im Glauben) zutage, dem Leben im Licht und dem „Leben“ in der Dunkelheit. Der eigene (physische) Transweg wird (metaphysisch) als Passion Christi interpretiert. Das erlaubt, Trans als universales, sinnstiftendes Instrument zur unfehlbaren Lebensdeutung einzusetzen.

Die Transidenten untereinander formen eine Art Glaubensgemeinschaft. Das ist zunächst nicht weiter verwunderlich, denn vielen sozialen Gruppierungen kann man Züge religiöser Zusammenkunft nachweisen.
Die Neuankömmlinge in der Nachfolge des einen wahren Gender entscheiden sich nach einer Zeit innerer Einkehr für die Umkehr vom bisherigen Geschlecht und für die Teilnahme an der Bruder- und Schwesternschaft – sie entscheiden sich dafür, den Weg zu gehen. Sie wissen, dass sie von nun an mit Hindernissen und Spott vonseiten der Familie, den Freund_innen, Bekannten, Ämtern und Behörden rechnen müssen, doch das Ziel ist es wert. Es geht um nichts mehr und nichts weniger als jene Floskeln, die uns alle umtreiben: Glücklichsein, Akzeptiertwerden, Sinn, Gemeinschaft und Hoffnung auf Morgen.
Druck von außen sorgt dafür, dass man näher zusammenrückt als in vergleichbaren Communities. Die Ärgernisse mit Krankenkasse und Pfusch mit OPs, langwierige Behördengänge und soziale Ausgrenzung, die alle in unterschiedlichem Ausmaß kennen, schweißt zusammen.
Abweichler, die ihr Bekenntnis zurückziehen („Regretters“), den Weg nicht mehr gehen, werden milde belächelt. Über sie wird selten gesprochen, doch zu Beginn des Weges fürchtet jeder nichts so sehr wie einen Weg im falschen Glauben. Menschen, die sich zu ihrem metaphysischen Ich bekennen, dabei jedoch nur einige Schritte des Weges gehen und dann stehen bleiben, oder gar überhaupt keine Schritte gehen, sind suspekt. Man duldet sie, wartet aber auf das richtige Erwachen. Die schlimmste Beleidigung untereinander ist es, sich gegenseitig die Aufrichtigkeit im Glauben abzusprechen: Du bist nicht richtig trans!

Die Glaubensgrundsätze sind einfach. Es gibt ein wahres Ich, das von Anfang an da ist, aber noch nicht voll entfaltet; dem ich näher kommen muss. Jeder Mensch hat seine Identität, die nicht von dieser Welt ist, und muss ihr in dieser Welt nachfolgen. Im Gegensatz zur blinden Masse sind die Transidenten sehend geworden.
Und wer genug Glaube hat, wird belohnt und was erst nur Glaube war, wird Wirklichkeit, denn wir sind zur Freiheit berufen. Fürchtet Euch nicht! Trans als nicht nur wörtlich integraler Bestandteil von Transzendenz: Der Glaube im wahren Ich ermöglicht eine ganzheitliche Perspektive auf alles in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine allumfassende Perspektive, die Hoffnung schenkt („Ich werde immer mehr ich und ich beginne neu in neuem Geschlecht“), Trost spendet („Mir wird es besser gehen“) und Sinn stiftet („Mein Weg ist vorherbestimmt und ich bin bestimmt, eine Frau zu sein“).
Transition ist meine Zuversicht und meine Burg. Das Leben selbst wird zu einer einzigen, lang andauernden Transition und Transformation umgedeutet, zuweilen auch als eine unendliche Folge vieler kleiner, beschwerliche Wandlungsprozesse verstanden. Da der Begriff von Wandel allgemein genug ist, so dass immer alles irgendwie Veränderung ist, ist diese Sicht weder zu widerlegen noch zu beweisen.

Die Passion Christi wird zum Modell des eigenen Transitionsweges. Und dieser Weg wird wahrlich kein leichter sein, nein, er ist steinig und schwer. Das beginnt schon mit der Entscheidung für eine Transition, die dann und nur dann möglich wird, wenn das Leben eine existenzielle Wendung erfährt. Keinen Schritt mehr zu gehen, keinen Tag mehr so zu leben, kein einziges Mal mehr bei einem Namen gerufen zu sein, der mich gar nicht ruft.
Oh Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn. Ich trage das Kreuz des Trans-Seins, werde dafür von allen verlacht. Meine Weggefährten haben mich verlassen, als ich mich zum Glauben an mein wahres Ich bekannte.
Wenn ich diesen Weg gehe, nehme ich die Sünde des Geschlechtswechsels stellvertretend für andere auf mich. Nachdem ich diesen Weg gegangen bin, hat es jeder andere leichter als ich. Andere werden mir nachfolgen. In diesem Lebensweg kann und muss mein altes Ich sterben, damit ich als wahres Ich neu auferstehen kann.
Die Auferstehung selbstredend direkt von den Toten. Oft genug ganz wörtlich („Noch drei Monate ohne Hormone, und ich hätte mich umgebracht“), mindestens aber metaphorisch („Jetzt fängt mein richtiges Leben an!“) Vorher, heißt es bei vielen, sie hätten nicht wirklich gelebt.

Dies alles wäre nicht weiter verwunderlich, ginge es hier um von klein auf christlich sozialisierte Personen. Die gibt es zweifellos, und diese tendieren oft noch deutlicher und unverschleierter zur religiösen Paraphrasierung ihres Daseins.
Nein, auch die ganz jungen Transfrauen und –männer, ab 1990 geboren, die selbst keiner Glaubensgemeinschaft angehören und oft schon in mindestens zweiter Generation areligiös erzogen worden sind, kultivieren diesen Erzählstil. Meist ohne ein Bewusstsein dafür.
Bemerkenswert, wie die vermeintlich maximale Freiheit, dass eine Transition heute möglich ist und gelingen kann, mit einer derart konservativen Deutung einhergeht. Die Ursachen dafür liegen auf mehreren Ebenen.

Vielleicht ist Transition weit mehr eine metaphysische als eine physische Angelegenheit. Vielleicht ist Transition etwas Existenzielles wie Krankheit und Sterben, und in unserer abendländischen Kultur gibt es einfach keine oder nur geringe Ausdrucksmöglichkeiten, Existenzielles säkular zu bewältigen.
Sich ist hingegen, dass in einem gewissen Sinne das geschlechtlich transitionierte Ich systematisch unerreichbar jenseits der Möglichkeiten dieser Welt bleibt: Eine Transition kann Silkonbrüste und Phalloplastiken ermöglichen, aber keine Schwangerschaft für Transfrauen und keine Zeugungsfähigkeit für Transmänner.
In dieser Angelegenheit hilft nachvollziehbarerweise nur noch der vertrauensvolle „Sprung in den Glauben“ (Martin Buber) weil es keine objektiven und für jeden anderen nachvollziehbare Belege gibt für die Wahrheit, die vorerst nur geglaubt werden kann.

Die Transition ist mein Hirte.

PS: Bemerkenswerterweise geht es bei der Deutung von „Transition als Passion“, um eine Passion, die nichts mehr ist als nur das. Jesus starb um mehr als nur seinetwillen, ja, die Passion Christi macht keinen Sinn ohne die Nachfolge Christi. Die Nachfolge wiederum ist nicht zu denken ohne Konzepte wie Nächstenliebe und Fürsorge, Agape und Caritas.
Die religiös gedeutete „Passion Trans“ hingegen reicht über das Individuum nicht hinaus. Jeder leidet und stirbt und ersteht um nicht mehr als nur seiner Selbst willen. Aufeinander aufzupassen und einander zu begleiten, Mentoring das über die passende Arztwahl hinausreicht findet in der Trans-Community allenfalls zufällig statt.

Einhorn-Einfalt

Es ist das allgegenwärtige Maskottchen, die Speerspitze queerer Utopien, das Symbol des Widerstands und der Phantasie, der vitalen Neben-Natürlichkeit. Das Zeichen das alles möglich ist, dass Du fliegen kannst, das alles Glitzer ist.
Dass das Fabelwesen Einhorn unversehens quasi die symbolische Alleinherrschaft angetreten und die verschiedensten queeren Gruppen unter seinen regenbogenglitzernden Schweif genommen hat, ist alles andere als Zufall: Das Einhorn nennt einige Fähigkeiten und Merkmale sein eigen, die queere und transidente Utopist_innen und Realist_innen gleichermaßen in seine wabernde Glitzerwolke hüllt.

Ein Pferd mit dem gewissen Extra, eines der ersten dokumentierten Beispiele für Trans-Tiere, das pferdeähnlich ist, aber eben kein Pferd. Erst recht kein Mensch. Nicht natürlichen Ursprungs und nicht von dieser Welt, aber so nahe dran, wies eben geht. Kann über alle Grenzen, insbesondere jene zwischen Natur und Kultur, hinweg, weil es fliegen kann und außerdem, so wird vermutet, auch zaubern.
Es entstand aus Magie und steht in keinem Widerstreit zu dieser Welt, weil es nicht von dieser Welt ist. Das Einhorn macht uns glauben, dass es etwas jenseits dessen gibt, was uns bekannt ist, jenseits einer natürlichen Ordnung, jenseits festgelegter Flora und Fauna.

Es symbolisiert das Reine und das rein Gute. Wer gegen Einhörner ist, kann nur Böses im Schilde führen.

Wer für die Einhörner ist, steht automatisch immer auf der richtigen Seite. Abwägen von richtig und falsch, Nachdenken und Nachfragen völlig überflüssig. In jeder Diskussion ist es wahlweise argumentativer Joker oder Totkuschel-Argument.
Das Tier taucht in mattem Abendglanz und zarter Morgenröte an glasklaren Quellen auf. Nur dort ist es vorsichtig zu beobachten. Hier offenbaren sich die letzten Geheimnisse der vernetzten Welt.
Irdische Übel wie Krankheit, Tod und Gesellschaft können diesem glücklichen Geschöpf nichts anhaben, ja, die pure Menschlichkeit mit ihrer Fehlbarkeit und ihrem ungebändigten Haar ist eine Beleidigung für sein so reines Antlitz. Es bleibt unfassbar und unsterblich, und jeden Anflug von Unfrieden (sollte es jemals welchen geben, denn wer legt sich schon mit einem Einhorn an?!) blinkt es mit einem leichten Schlenker seines Regenbogenschwanzes beiseite.

Das Einhorn ist die fliegende Unschuld, und auch wenn es kotzt, was angesichts der Zustände in dieser Welt nicht eben unwahrscheinlich ist, kotzt es immer noch Glitzer. (Manchmal, wenn es getrunken hat, auch Sternschnuppen.)
Das Glitzer wiederum ist nun leider auch gar kein Zeichen von Individualität, Diesseitigkeit und Widerständigkeit, handelt es sich hierbei doch um das Ikea der queeren Welt. Billig, hübsch und inflationär genutzt zur Einrichtung aller physischer wie auch ideeller Räumlichkeiten. Frei nach dem Motto: Denkst Du noch, oder glitzerst Du schon?

Es bleibt dabei: Das Einhorn ist strahlend weiß und gesund und steril. Weiß wie Schnee, weiß wie Tofu wird es niemals dreckig, selbst wenn das Regenbogentier durch düstere Großstädte galoppiert. (Keine unwegsamen Urwälder mehr, denn die sind ja abgeholzt.) Eine globalisierte Migrationsidentität nennt dieses Tier also auch noch sein eigen.
Im Gegensatz zu den Identifikationsfiguren vergangener Generationen im Kampf um Gleichberechtigung, nehmen wir beispielsweise die Amazone, hält es sich für einen zuweilen auch dreckigen Kampf bemerkenswert wenig im Dreck auf.
Es hat eine afäkale Identität. Nicht umsonst sind die Einhörner auch geschlechtslos. Das ist ganz Recht so, schließlich gibt es im vernetzten Selbstverwirklichungszeitalter nichts mehr zu rebellieren.

Auch die zaghaft-ästhetische Andeutung von Konfrontation, das gerichtete Horn, ist einer widerständigen oder gar rebellierenden Deutung vollends entzogen.
Das eine Horn des Einhorns ist nicht mehr als nur das sichtbare Zeichen dafür, dass es sich um ein andersartiges, ein besonderes, ein Pferd+ handelt. Some Horses do have Horns, get over it!

Das Einhorn ist Glitzer und Regenbogen und fabelhaft genug für uns alle. Mehr noch: Einhörner sind für alle da!
Ob alt oder jung, Ackermann oder Arbeiterkind, Berlin oder Oer-Erckenschwick, auf Einhörner können sich alle einigen. Ein bisschen anders fühlt sich doch jede_r, ein bisschen besonders wären wir gern, und wer setzt nicht ab und an Hoffnungen in fremde Welten?
Mit seinem ebenso exotisch-magischen wie harmlosen Auftreten gehört das Einhorn inzwischen zum symbolischen Standadrepertoire auch des heterosexuellen Mainstreams. Das fängt bei den Kleinsten an, wo das Fabeltier seinen andauernden Siegeszug durch die Kinderzimmer angetreten hatte (Stichwort „My Little Pony“) und endet noch lange nicht im Internet, wo hippe Blogs wie das Kotzende Einhorn unterhaltsame Bilder und Netzfundstücke zu Revolution und Lethargie für everybody’s kurze Aufmerksamkeitsspanne präsentieren.
Die gegenwärtige Welt, die an den komplexen Symptomen von Globalisierung, Internet, Kapitalismus und Klimawandel zugleich leidet, ist unüberschaubar, unverständlich und über alle Maßen ungerecht geworden. Die unschuldige, wohlgeordnete Einfalt eines ganz normalen Fabeltiers scheint demgegenüber wie ein Wunschtraum. Wen wundert es eigentlich, dass gerade die bedrohten Queers davon phantasieren, auf seinem Rücken davonzureiten?

Dass wir sein können, wer wir wollen, wenn wir nur wollen. Dass wir fliegen können, dass die Zeit kurz ist, dass wir unsere Potenziale nutzen müssen, wissen wir alle seit frühesten Kindheitsjahren. Die Werbung hat uns umfassend darüber aufgeklärt.
Nun zeigt uns das Einhorn, dass dies die richtige, die einzig wahre Welthaltung ist. Lebe Dein Leben, sei auch Du Einhorn!

Wenn Queerness heute so kuschelig-harmlos, neoliberal-massenkompatibel und indifferent ist wie das Fabel-Maskottchen suggeriert, so aufsässig wie ein Gefällt-mir-Button und so vielfältig wie eine Wäscheladung Persil: Wirklich, dann wäre es besser, die Einhörner ein für alle Mal in der Fritteuse bei Burger King zu versenken. Ein einziger Burger da ist nämlich subversiver als eine ganze Herde Einhörner.

RTL für Queers

Seit ich in der queeren Szene unterwegs bin, gucke ich kein Fernsehen mehr. Auch meine „Mitten im Leben“- und „Dschungelcamp“-Sucht ist wie von Wunderhand kuriert.
RTL ist nicht umsonst das Akronym für „Realer Trans*-Lifestyle“ (wobei Trans* sich gelegentlich erweitern ließe zu Trans*Queer). Man könnte sich eine wunderbare RTL-Doku vorstellen:

Lara, 30, versucht seit zwei Jahren vergeblich, zuzunehmen: „Auch Fette sind schön, ich will’s allen beweisen!“

Simon, 43, sitzt wegen Mordes in Haft: „Wir haben drei Open Spaces durchgeführt, es war Konsens!“

Mio*, 24, kämpft dafür, dass die Krankenkassen künftig geschlechtseliminierende Operationen übernehmen: „Ich bin Agender und Weder*Noch und musste selbst dafür zahlen, dass ‚da unten’ alles meinem gefühlten Geschlecht entspricht!“

Carla, 52, besucht eine Selbsthilfegruppe wegen ihrem Coming Out: „Ich habe 30 Jahre als Genderqueer gelebt, 20 davon als Weder*Noch und habe mich nun endlich als Cis-Frau geoutet!“

Rick, 12, wird an der Freien Dekonstrukiven Openspace-Schule Neukölln von seiner*m Lehrer*in gemobbt: „Er*sie sagt, wenn ich so weitermache, werde ich normal!“

Lex, 21, unterwandert die Berliner Queer-Szene: „Ich tue so, als wäre ich Analphabet*in, um Triggerwarnungen ignorieren zu können!“

Dr. Marie-Luise von H., 30, dekonstruiert Akademiker*innen-Klischees: „Ich würde niemals dulden, dass meine Kinder Kevin und Schakkeline etwas anderes als Cola, Chips und RTL konsumieren!“

Belladonna, 41, hat Berlins ersten Photosynthese-Schnellimbiss eröffnet: „Ich als Pflanze* werde in der gegenwärtigen Gesellschaft schon in der Ernährung existentiell unterdrückt!“

Drosera, 34, hat Berlins ersten Photosynthese-Schnellimbiss per einstweiliger Verfügung  schließen lassen: „Die Licht-Fixierung reproduziert religiöse Verhältnisse. Und ich als Fleisch*Transformierende Pflanze* werde ausgeschlossen!“

Monty Python, britische Kult-Komikergruppe, hat sich nach einem Berlin-Besuch aufgelöst: „Wir können diesen Mensch*innen einfach nicht das Wasser reichen!“

Identitäts-Topfschlagen

Neuerdings kursieren in Berlin Postkarten, die auf pink-schwarzem Hintergrund konstatieren: Gender ist eine Zumutung!
Das stimmt leider manchmal, und warum das so ist, ist in etwa vergleichbar damit, warum Kindergeburtstage zuweilen eine Zumutung sind. Das liegt nicht nur an lärmendem Kindergeschrei, sondern auch daran, dass manche zu diesen Gelegenheiten gespielte Spiele unvergnüglich sein können, weil sie von vornherein nicht zu gewinnen sind.

Doch beginnen wir von vorn.
Der Identitäten gibt es ja viele, wenn der Tag lang ist. Während das kaum verwundert – ist doch jeder Mensch einmalig in der Welt, und niemals so dagewesen – verwundert es sehr wohl, wenn es um geschlechtliche Identitäten geht. Wo doch jeder Mensch sowieso schon individuell ist, warum sollte es dann auch zusätzlich noch ein individuelles und unverwechselbares Gender geben?
Es gibt einige wiederkehrende Ausdrücke dafür, sich in erster Linie als gerade Genderqueer und nichts anderes zu identifizieren. Viele davon sind leider nicht sonderlich stichhaltig.
Damit meine ich explizit nicht, dass es keine genderqueeren Identitäten gibt, oder nicht auch eine Menge guter Gründe für diesen Selbstausdruck existierten. Es gibt nur einige ebenso vielzitierte wie nichtssagende, um nicht zu sagen: schlechte Gründe für diese Identität, und nichtssagender Grund heißt in diesem Falle, dass diese Aussagen keine exklusiven Identifikationsmerkmale einer genderqueeren Identität (welcher Couleur sie denn auch sein möge) sein können, weil eine jede geschlechtliche und sogar nicht-geschlechtliche Identifikation dieses Merkmal für sich beansprucht.
Mit anderen Worten: Wenn diese Aussagen der einzige Grund sind, sich als genderqueer zu verstehen, müssten wir alle genderqueer sein.

Ein bekanntes Beispiel dafür geht so: „Ich identifiziere mich als genderqueer, weil…“

„… Menschen komplexer sind als zwei Checkboxen“

Das ist jetzt nicht die neueste Erfindung des Rades. Menschen sind auch komplexer als ihre Lieblingseissorte (Schoko oder Vanille?), komplexer als ihre Augenfarbe(n), komplexer als Ermäßigungs- oder Normaltarif in der Bahn. Es gibt mehr als genug Gelegenheiten, Menschen und Tiere je nach Gusto in die verschiedensten Checkboxen zu reduzieren, Geschlecht ist einfach nur die prominenteste aller Kreuzchenkisten.
Einige meiner besten Freundinnen sind übrigens Cis-Hetera-Frauen, die all meiner jahrelangen Werbungs- und Überzeugungsversuche (inkl. Bestechung) zum Trotz bis heute vehement darauf bestehen, Frauen zu sein. Jede einzelne von ihnen ist unzweifelhaft weit komplexer als eine Checkbox, wie mir auch die dazugehörigen Ehemänner bestätigen.

„… ich auf den ersten Blick als die Person wahrgenommen werden möchte, die ich bin“ bzw.
„… ich auf den ersten Blick als das erkannt werden will, was ich bin“

Wir hatten oben ja schon festgestellt, dass Menschen komplex sind. Auch, wenn sie nicht genderqueer sind.
Ich persönlich habe noch nie jemandem seine Lieblingseissorte an Gesicht und Kleidung ablesen können (und das liegt weiß Gott nicht daran, dass ich nicht genug geübt hätte). Warum also der Anspruch, dass eine Person mit einem einzigen Blick auf das Gegenüber einen etwa dreistündigen Geschlechts-Identitäts-Blockbuster durchleben sollte?
Nun, da gibt es bekanntermaßen z.B. Personen, die bei ihrer Geburt männlich zugeordnet worden sind, und aus freiem Willen dennoch gerne auf den ersten Blick als derzeit oder dauerhaft weibliche Wesen erkannt werden wollen. Glücklicherweise gibt es auf der Schnitzeljagd auf dem Weg zu diesem Ziel gesellschaftlich gut verzeichnete Landmarken und soziale Wege, wie sie nur die Frauen und Femininitäten gehen können. Man kann verstehen, als was sie wahrgenommen werden wollen. Und auch dann ist das nur ein kleiner Teil der, man errät es fast, komplexen Person.
Wenn es möglich wäre, würden sicherlich viele, oder zumindest einige Menschen sich gerne auf den ersten Blick in dem „was sie im Innersten zusammenhält“ erkennen lassen. Auch bei schlichten und gewöhnlichen Identitäten, z.B. bei Frauen und bei Männern, ist das leider selten so schnell möglich.
Und selbst wenn: Wäre das wirklich erstrebenswert oder nur eine sabbernd ersehnte Lieblingsvision der NSA?

Auf dem Genderkindergeburtstag das beliebteste aller Spiele: Identität suchen und erkennen. Es ist ziemlich schwer. Zumal wenn man verbundene Augen dabei hat. Und Kommandos wie „warm“ und „kalt“ nicht immer „warm“ und „kalt“ bedeuten. Und der Identitätstopf sich in einem Minenfeld befindet. Manchmal zumindest. Das wäre ja alles noch akzeptabel, wenn unter dem Topf dann wenigstens Süßigkeiten wären!

Quälende Queerness

Queerness bedeutet Einsamkeit, und wenn das nicht, so doch immerhin ein himmelschreiendes Alleinesein.
Das ist jetzt keine besonders bahnbrechende These, sondern einer der abgelutschten Gemeinplätze queerer Weltsicht. Die Jugendlichen, die sich unverstanden und „closeted“ fühlen, die Erwachsenen, die den Widrigkeiten eines normativen Arbeitsmarktes ausgesetzt sind, die am Rande der Gesellschaft stehen, wenn sie denn überhaupt noch stehen. So weit, so dramatisch.
Diese Gefühle von Einsamkeit und die Verinselung und –einzelung dieser unserer Welt können kaum ein originär queeres Problem sein, wenngleich queere Personen diese Zustände in besonderer Weise trifft. Wir alle sind es, die wir die vermeintlich unentrinnbare Ohnmächtigkeit unserer Zeit beklagen, die um Arbeitsplätze kämpfen und um bezahlbaren Wohnraum, das gemeinte gute Leben und die Zigarette danach. Ohne Zweifel weht ein kalter Wind dort draußen und man hört allenthalben, der Winter sei nahe.

Queere Verhältnisse sind leider noch weit dramatischer als das, denn dem allgegenwärtig beklagten Alleinesein gesellt sich noch eine zweifache Einsamkeit hinzu:
Queere sind alleine durch Äußeres, Queere zelebrieren und kultivieren miteinander den Gestus der Einsamkeit, Queere pflegen und erhalten die alte und kreieren neue Einsamkeiten im Inneren der vermeintlich warmen, pink-glitzernden Seifenblase.

Diesen Gedanken gilt es genauer zu erkunden.

Zunächst mal überrascht die gefeierte Einsamkeit nicht, denn viele US-amerikanische Blogs sind tatsächlich pure Pubertät, und zwar ganz wörtlich: Die Beiträge stammen mehrheitlich von Personen zwischen 15 und 25, und lesen sich oft genug wie eine einzige, ziemlich durchschnittliche Orientierungsphase, wo sämtliche Probleme einer ganz gewöhnlichen Adoleszenz eben exemplarisch und ausschließlich an Gender-Fragen verhandelt, bearbeitet, bekämpft werden (etwas so allgegenwärtiges wie Geschlecht eignet sich einsichtigerweise sehr gut dafür, jede wie auch immer geartete Problematik darauf zu projizieren):
Die Einsamkeit, das Unverstandensein und die Angst, ewig unverstanden zu bleiben, das Anderssein und die Angst, anders zu sein, die Heimatlosigkeit, Mobbing und Ausgrenzung, Angst niemals geliebt zu werden, Angst niemals einen Platz zu finden, „dass du nie genug bist / dass du nie genügst / dass deine Sicherheit Lug ist / dass du lügst“ um mit Heinrich Detering zu sprechen.

Hier lässt sich leicht einwenden, dass nun mal die meisten Äußerungen zu Queerness und was es heißt, queer zu sein, aus den USA und Kanada stammen (hier wiederum keine quantitative Angabe, sondern ein qualitativer Eindruck) und insbesondere Erstere sind keine ganz Unbekannten, was die Kultivierung eines überbordenden, heroisch-pathetischen Ich-kämpfe-falle-stehe-auf-allein-gegen-den-Rest-der-Welt-Lebensgefühls anbelangt, besser bekannt als „American Dream“.
Da die öffentlich zugängliche Auseinandersetzung (nicht nur in Blogs, sondern z.B. auch akademisch) mit LGBT*I-Belangen jenseits des Ozeans weiter gediehen ist als auf dem europäischen Kontinent, liegt der Verdacht nahe, das eben nicht nur die puren Gedanken und Argumente importiert oder re-importiert werden, sondern gleich die zugehörige Pathos-Patina.

Das ist nicht alles. Zu den Gnaden einer queeren Lebensweise selbst wiederum, und das ist schon die spannendere Beobachtung, gehört unverkennbar eine um 10 Jahre und mehr gestreckte Pubertät und eine auch danach noch lang anhaltende Jugendlichkeit:
Transmänner, die jeweils 14 Jahre plus die Anzahl der Jahre eingenommenen Testosterons aussehen; 30-jährige Weder-Nochs, die auf Identitäts-Schnitzeljagd gehen; und was den 10-jährigen Mädchen ihre Pyjama-Party, ist den Ü30 Queers ihre Sex- und/oder Kuschelparty.
Und zu einer anständigen Pubertät, selbst wenns schon die zweite ist, gehören nun mal eine ganz große Portion Larmoyanz, Unverstanden-Fühlen und das ein- oder andere Tagebuch voll Ungerechtigkeitsempfinden und Welthass.

Ginge es hier um Medizin, wäre man versucht, einer ganzen Welthaltung ein Peter-Pan-Syndrom im fortgeschrittenen Stadium zu diagnostizieren.
Glücklicherweise können wir uns hier auf die hoby-soziologische Beobachtung beschränken, dass queere Kultur derzeit einer Kultivierung von Jugendlichkeit und dem mal mehr, mal weniger heroischen Alleinesein huldigt.
Ein andermal mehr davon, ich muss jetzt erstmal los, mein Tagebuch wartet.

Trans*Stereotyp

Trans*geschlechtlichkeiten gehören zu den interessantesten Spezies des Genderwastelands. Eine erste Betrachtung, was einem da so begegnen kann, findet sich z.B. auf der Website von Trans-Ident.
Doch gerade aufseiten u.a. der Trans*Männlichkeiten bedarf diese Sammlung noch einiger Ergänzungen:

Martin Macho

Hat „schon immer nur was mit Heterofrauen gehabt“ und findet Lesben ziemlich strange. Ist mit allen Transitions-Wassern gewaschen. Hat es eigentlich „gar nicht nötig“ in der Szene unterwegs zu sein, wie er oft und gerne betont, und ist eigentlich nur noch da, um „anderen Männern zu helfen“. Was er allerdings ausgiebig tut. Keine Veranstaltung geht vorüber, ohne dass er die Jungen, jovial auf die Schultern klopfend, nach ihren Trans-Zielen und –Erfolgen befragt, Motto: „Transition ist auch nur eine andere Form von Formel 1!“ Nutzt jede Gelegenheit, Schauergeschichten aus dem OP zu erzählen und dazu seinen langen und gelungenen Schwanz öftersmal auspacken zu können, hat aber insgeheim große Komplexe wegen Schwanz- und/oder Körpergröße.

Hundertachtziggrad-Hubert

Hat endlich sein „wahres Selbst“ entdeckt. Trans ist die schlagartig gefundene, nach jahrelanger Depression, Erfolgs- und Arbeitslosigkeit, Selbstbewusstseinsmangel und Singledasein gefundene Offenbarung, Erfüllung und Berufung, der „Schlüssel zu allem“, das „Ding an sich“, die „Theory of Everything“. Stürzt sich radikal, mit hoher Energie und Feuereifer in sein Transitionsprojekt, das das erste, oft einzige, Projekt seines Lebens ist. Gibt an, vorher „nicht gelebt“ zu haben. Geht nun zu jeder Transtagung und jedem Stammtisch und hat endlich Freunde (auch alle trans, natürlich). Endet entweder mit raschem Burnout (und Verwandlung in Jan Jammer) oder irgendwann als verbitterter Alt-Transaktivist, der hobbymäßig Hassbriefe an die Krankenkassen schreibt.

Paul Passing

Passt als Mann. Und zwar überall. Was er auch allen zeigen muss. Und zwar ausführlich. Ist in allen Foren und sozialen Netzwerken unterwegs. Dauer-online bei Facebook. Lädt regelmäßig und mit Liebe zum Detail Foto-Zusammenstellungen seiner Frisuren („Mit welcher Frisur sehe ich am männlichsten aus?“), Outfits („Betont die Hose meine breiten Hüften?“), Arztrezepte und Medikamentenpackungen („Meine 124. Testo-Spritze!“), Dokumentation von Testosteron und seinen Folgen („Mein rechter großer Zeh und dessen Haar-Entwicklung minus 10 Jahre prä-T bis T-Day plus x Tage/Monate/Jahre“)

Simon Superschwuchtel

War schon immer schwul. Eigentlich nur trans, um seine schwule Seite noch besser ausleben zu können. Kann jede Zeile aus Queer as Folk mitsprechen, sein Zimmer ist mit Bildern nackter Männeroberkörper gepflastert. Steht dazu, dass er auf Justin Bieber steht. Ist länger beim CSD dabei als alle anderen und ist übrigens schwul. Testet sein Passing an der Anzahl schwuler Kumpels, die er rumkriegt. Interessiert sich eher am Rande für Transfragen und fragt sich, wann er endlich, endlich diese T-Shirts mit V-Ausschnitt bis zum Bauchnabel tragen kann. Motto: Keine Homosexualität ist halt auch irgendwie keine Lösung.

Peter Patientinnennah

Aufgehender Stern am Geni(t)alen Götterhimmel. Gegenstück zu Korbinian Kittelgott. Hat neben einer alt-achtundsechziger inspirierten Langhaarfrisur auch einen eher achtundsechzig-alt inspirierten weiblichen Fanclub. Pflegt ein privates Facebookprofil. Akzeptiert großzügig Freundschaftsanfragen von Patientinnen. Auf der Pinnwand öffentlich sichtbar diverse ergebenste Dankesbezeugungen von eben diesen („Sie haben mich zur Frau gemacht!“) und dazwischen diverse Bilder von ihm selbst und seinen jeweiligen Mahlzeiten (Bratwurst, Ragout), von denen Kritikerinnen behaupten, diese ähnelten seinen chirurgischen Ergebnissen.

Max Frisch. Fragebogen Geschlecht

Max Frischs weltberühmt gewordenen „Fragebögen“ erschienen in den „Tagebüchern 1966-1971“. Zu zwölf thematischen Untergruppen wie z.B. „Menschengeschlecht“, „Tod“ oder „Hoffnung“ hat er  jeweils einige überraschend existentielle Fragen formuliert.

Zum Thema Geschlecht gab es keinen Fragebogen.

(1) Meinen Sie, zu wissen, welches Geschlecht Sie haben?

(2) Woraus folgern Sie das?

(3) Wenn Sie sich entscheiden müssten, und von

a) Ihrer geschlechtlichen Identität
b) Ihrer Sexualität

nur eines Ihren Vorstellungen entsprechend ausüben dürften, was würden Sie wählen?

(4) Gibt es Eigenschaften, die Sie an anderen begehren, aber nicht für sich selbst wünschen?

(5) Wusste Eva, dass sie eine Frau ist?

(6) Wenn es keine Geschlechter mehr gäbe: Glauben Sie, dass manche Ihrer Mitmenschen dann keinen Humor mehr hätten?

(7) Erfüllt Sie der Gedanke, die Geschlechter seien eines Tages abgeschafft, mit Hoffnung? Hoffnung worauf?

(8) Gibt es Geschlechtsidentitäten, die verboten werden sollten?

(9) Welche und warum?

(10) Hätten Sie auf einer einsamen Insel ein Geschlecht?

(11) Welches?

(12) Finden Sie, dass Sie non-binäre Geschlechter verstehen könnten?

(13) Würden Sie, um jemand anderem das Leben in dessen Wunschgeschlecht zu ermöglichen, ein Arm oder ein Bein opfern?

(14) Wenn jemand das für Sie tun würde: Würden Sie annehmen?

(15) Wenn es zu einem Zustand plötzlicher, dauerhafter und unaufhebbarer hormonellen Sabotage käme, bei denen sämtliche Kosmetikartikel (Duschgel, Deo, Parfum, Lotionen, …) mit merkbaren Dosen Testosteron versetzt wären und nur Sie von diesem Sachverhalt wüssten: Würden Sie aufhören, diese Artikel zu benutzen?

(16) Ist Geschlecht eher etwas Körperliches oder eher etwas Geistiges?

(17) Können Sie sich selbst vorstellen ohne Geschlecht?

(18) Gab es ein Alter, in dem Ihnen Geschlecht noch nicht wichtig war? (Angabe des Alters)

(19) Empfinden Sie Furcht bei dem Gedanken, dass man sein Geschlecht durch Medikamente wechseln kann?

(20) Wäre Ihnen Ihr Geschlecht als Tier eher wichtiger oder unwichtiger als als Mensch?