Fünf populäre Mythen über Transition

von genderwasteland

(1)     „Eine Transition mache ich nur für mich“

Natürlich beginnen Überlegungen, zu transitionieren, immer bei der Person, um die es geht: eine existenzielle Selbstbefragung, Reflektion und neue Deutung der eigenen Vergangenheit, der Entwurf einer Zukunft. Und dennoch transitioniert niemand alleine.
Transition findet nicht im luftleeren Raum statt. Mehrere Akteure sind daran in unterschiedlicher Weise beteiligt, und hierbei spreche ich nicht von Gutachter_innen und Ärzt_innen. Da gibt es immer Freund_innen, Familie, Partner_innen. Nicht nur die betroffene Person wandelt sich, sondern das Umfeld vollzieht gleichfalls eine Veränderung. Der Sohn, der eigentlich eine Tochter ist. Der Zwillingsbruder, der eine Zwillingsschwester ist. Die lesbisch sozialisierte Partnerin, die auf einmal als hetera gelesen wird.
Selbstverständlich transitioniert niemand für dieses Umfeld. Dennoch ist es verkürzt, anzunehmen, Transition sei ein reiner Ego-Trip, bei dem es nur um mich und meine individuelle Selbst-Verwirklichung geht. Keine transitionierende Person ist zu denken ohne den Kontext, die Verhältnisse und die Menschen, die begleiten, tragen, sich wandeln.

(2)     „Ich mache eine Transition, weil ich mein Äußeres (Körper) meinem Inneren (Seele) angleichen möchte“

Oft heißt es auch, der (falsche) Körper solle dem (richtigen) Gehirn angeglichen werden. Welche geschlechtsspezifischen Charakteristika das Gehirn aufweist, ist nach wie vor ungeklärt und bislang ausschließlich Gegenstand mehr oder minder populärer Vermutungen.
Geschlecht ist jedenfalls so oder so nicht ausschließlich ein Innenerleben. Geschlecht ist, wie man es dann auch näher beschreiben mag, ein untrennbares Zusammenspiel aus innerer und äußerer Wahrnehmung, Individuum und Gesellschaft. Selbst die auf den ersten Blick unverdächtige „Körperwahrnehmung“ („Ich fühle mich als Mann“) ist nicht frei vom Rest der Welt – mein Körper wird gesehen, interpretiert, zugeordnet, benannt und zwar nicht nur von anderen, sondern auch von mir selbst.
Körper und Seele können schlichtweg nicht (bzw. nicht so einfach) getrennt voneinander betrachtet werden. Innere Ziele beeinflussen äußeres Handeln und andersrum. Transidentität ist nicht die letzte Bastion des Leib-Seele-Dualismus.

(3)     „Ich kann nur durch Transition glücklich werden“

Was einen Menschen glücklich macht, und ob das für alle dasselbe ist oder für jeden verschieden, ist eine sehr alte Frage. Glücklich und zufrieden macht eine Transition allein jedenfalls nicht, Transition soll ja bestenfalls ein Mittel zum Zweck des inneren Friedens sein.
Doch auch als Werkzeug, um das eigen Ich zu realisieren, eignet sich die Anpassung des eigenen Geschlechts nur bedingt: Die hohen Erwartungen, die an eine Transition gebunden sind, wenn sie die Voraussetzung überhaupt für Glück ist, kann keine irdische Handlung, sei sie noch so radikal, je erfüllen.
Wer ohne Transition nicht glücklich sein kann, wird es auch mit kaum sein.

(4)     „Ich bin im falschen Körper geboren“

Niemand ist gefangen in seinem Körper. Wir alle haben, zumindest für die Dauer dieses Lebens auf der Erde (und, glaubt man den alten Ägyptern, auch darüber hinaus) nur einen und genau einen Körper. Den eigenen. Inklusiver aller Unzulänglichkeiten und Fehlleistungen. Auch eine Transition kann nicht dafür sorgen, dass ein neuer oder „richtiger“ Körper an die Stelle des ursprünglichen tritt. Wir sind und bleiben in uns, und deshalb sollten wir milde sein.
Eine Transition handelt in erster Linie davon, sich seinen körperlichen Gegebenheiten zu stellen – und gemäß den individuellen Bedürfnissen einen Umgang mit diesen Gegebenheiten zu finden, gedanklich (Um- und Neudeutung, Körperwahrnehmung) und ggf. auch physisch (Hormone in richtiger Dosierung, Operationen) Wenn das gelingt, bleibt der Körper nicht gefangen in uns.

(5)     „Ich war schon immer ein Mädchen / ein Junge“

Es wäre schön, wenn es so gewesen wäre. Am Anfang einer Transition steht eine Selbstklärung, die der Welt widerspricht. Dem „Es ist ein Junge!“ wird ein „Ich bin ein Mädchen!“ entgegen gestellt. Wie auch immer das innere Erleben und die Interpretation der eigenen Biographie gewesen sein mag – selbst wer mit 10 Jahren transitioniert, hat davor eine Sozialisation durchlaufen. Diese Sozialisation hatte zumindest zu bestimmten Zeiten des Lebens Einfluss auf die Selbstdeutung, ja, hat es erst ermöglicht, mich als transident zu erkennen. Das „immer schon“ verschweigt die Leiter, mit der ich bis zu den Sternen kletterte.